Teil 2 der Interviewreihe zur Aktionswoche „Alkohol? Weniger ist besser!”

Teil 2 der Interviewreihe zur Aktionswoche „Alkohol? Weniger ist besser!”

„Alkohol? Weniger ist besser!“ – so lautet das Motto der Aktionswoche Alkohol, die vom 14. bis 22. Mai 2022 bundesweit stattfindet. Ziel der Aktionswoche ist es, die breite Öffentlichkeit auf die Gefahren von riskantem Alkoholkonsum aufmerksam zu machen und zum Nachdenken zu motivieren. Julia Lux, Geschäftsstellenleitung der Gesundheitsregionplus, hat mit Erika Eisenbart, Leiterin der Suchtfachambulanz Donauwörth, und Dr. Natalie Nagowski, Teamleitung der Suchtfachambulanz Nördlingen, über Alkoholabhängigkeit und die Arbeit in den Beratungsstellen gesprochen.

Das Motto der Aktionswoche lautet „Alkohol? Weniger ist besser!“. Welche Botschaft verbirgt sich hinter diesem Motto?

Erika Eisenbart: Alkohol gehört in unserer Gesellschaft und zu gesellschaftlichen Anlässen dazu. Alkohol ist Genussmittel, aber auch hochpotente Droge mit möglicherweise massiven Auswirkungen auf Gesundheit, Beziehungsstrukturen, Arbeitsplatz, Führerscheinverlust oder auch bei Straftaten. Nicht jeder, der Alkohol trinkt, ist Alkoholiker. Die Übergänge zwischen Konsum, Missbrauch und Abhängigkeit verlaufen fließend – oft über einen längeren Zeitraum. Und dass der Konsum zum Problem geworden ist, wir oft erst spät erkannt.  Der Slogan erinnert daran, Alkohol bewusst, nicht alltäglich und in moderaten Mengen zu konsumieren.

Alkohol ist bei uns im Vergleich zu anderen Drogen gesellschaftlich akzeptiert. Welche Rolle spielt diese gesellschaftliche Anerkennung?

Natalie Nagowski: Diese Anerkennung spielt auf verschiedenen Ebenen eine Rolle. Fast jeder in Deutschland macht im Laufe seines Lebens Erfahrungen mit Alkohol, da es keine verbotene Substanz ist. Die ersten Erfahrungen finden häufig schon in der Jugend statt. Zu bestimmten Anlässen gehört der Alkohol fest zu unseren gesellschaftlichen Ritualen, wie beispielsweise das Glas Sekt an Silvester. Auch häufigeres Trinken oder Trinken größerer Mengen wird meist gesellschaftlich toleriert und gehört in bestimmten Kreisen gar zum „guten Ton“. Das führt dazu, dass eine problematische Entwicklung des Alkoholkonsums lange Zeit quasi unter dem Radar verlaufen kann und erst relativ spät vom Umfeld als auffällig empfunden wird. Umgekehrt ist es manchmal sogar so, dass eine Person, die nichts trinkt, auffällt und auf ihre Abstinenz angesprochen wird: „Warum trinkst du nichts?“. Die umgekehrte Frage: „Warum trinkst du Alkohol?“ hört man viel seltener.

Wie entwickelt sich eine Alkoholabhängigkeit? Gibt es Auslöser?

Erika Eisenbart: Die Basis für eine Alkoholabhängigkeit ist ein Zusammenspiel aus mehreren Faktoren. Wir sprechen vom „Bio-psycho-sozialen Modell“, also biologischen, psychologischen und sozialen/Umfeld-Faktoren. Suchtmittel allgemein haben Auswirkungen auf das Zusammenspiel der körpereigenen Botenstoffe – oft auch Glückshormone genannt. Hier spielt vor allem das limbische System eine Rolle, eine Region im Gehirn, die für die Bewertung all unseres Tuns zuständig ist. Fast jeder hat schon die Erfahrung gemacht, unter Alkohol entspannter oder lustiger zu sein. Diese positiven Erfahrungen werden im sog. Suchtgedächtnis abgespeichert. Das Gläschen Rotwein in Stress-Zeiten zum Runterkommen greift u. U. diese alte Erfahrung auf.

Es kann also sein, dass jemand Alkohol zweckgerichtet benutzt – aber auch der unkritische regelmäßige Konsum kann zu einer Abhängigkeit führen, da Alkohol in die Stoffwechselprozesse eingebaut wird, es zu einer Toleranzentwicklung kommt und zum Entzug, wenn Alkohol weggelassen wird.  

Natalie Nagowski: Neben den auslösenden und beeinflussenden Faktoren ist es auch interessant, die zeitliche Entwicklung einer Abhängigkeit zu betrachten. Das ist häufig ein schleichender Prozess, der über Jahre verläuft. Leider ist diese Entwicklung meistens erst in der Rückschau deutlich zu sehen, beispielsweise, wenn wir gemeinsam mit Betroffenen einen ehrlichen Blick auf den Konsum über ihr Leben hinweg werfen. Dabei kann nicht immer ein konkreter Auslöser identifiziert werden, manchmal „schleicht“ sich die Abhängigkeit ein. In anderen Fällen markieren einschneidende Lebensereignisse wie Todesfälle, Trennungen oder traumatische Erfahrungen den Einstieg in problematischen Konsum und eine spätere Abhängigkeit. Im Verlauf der Abhängigkeitsentwicklung nimmt der Alkohol eine immer wichtigere Rolle ein. Es entsteht eine stärkere Lust oder Verlangen nach Alkohol, in der Regel steigt auch die getrunkene Menge im Verlauf der Zeit und/oder es wird häufiger getrunken. Aufmerksam sollte man auch werden, wenn man feststellt, dass der Alkohol immer häufiger genutzt wird, um mit unangenehmen Gefühlen und Empfindungen umzugehen.

Wann sollte jemand professionelle Hilfe in Anspruch nehmen?

Erika Eisenbart: Es besteht landläufig in der Bevölkerung nach wie vor eher die Ansicht, dass man erst professionelle Hilfe in Anspruch nehmen kann oder muss, wenn eine massive Abhängigkeit besteht. Wir sind aber auch Anlaufstelle für Menschen, die ihren Konsum kritisch sehen, die feststellen, dass es ihnen schwer fällt, auf Alkohol zu verzichten oder wo sich erste Probleme zeigen – Streit in der Beziehung oder Familie wegen des Trinkens, erster FS-Entzug o. ä.

Nicht jeder muss zwangsläufig über mehrere Wochen in eine Fachklinik. Es gibt weitere Möglichkeiten, z. B. ambulante Therapie. Wir klären zusammen mit den Ratsuchenden die Situation und besprechen auch zusammen das Ziel und den bestmöglichen Weg dorthin. 

Natalie Nagowski: Es ist nie zu früh, zu uns in die Beratung zu kommen. Wer sein Trinkverhalten mit einer neutralen Person reflektieren und überprüfen möchte, um eine Antwort auf die Frage: „Bin ich schon abhängig?“ zu finden, ist bei uns genauso an der richtigen Stelle. Angehörige können sich ebenfalls jederzeit an unsere Beratungsstellen wenden, um herauszufinden, wie sie besser mit dem Trinken des Betroffenen umgehen können.

Welche Menschen kommen zu Ihnen in die Suchtberatungsstellen und was erwartet diese dort?

Natalie Nagowski: Unsere Suchtberatungsstellen decken das gesamte Substanzspektrum (Alkohol, Medikamente, illegale Drogen) sowie Verhaltenssüchte ab. Wir sind für Betroffene und Angehörige da. Der überwiegende Teil unserer Klient*innen kommt freiwillig oder auf einen gewissen Druck des sozialen Umfeldes hin. Manche kommen aufgrund einer gerichtlichen Auflage zu uns.

Erika Eisenbart: Die Personengruppen ist ein Querschnitt der Bevölkerung. Ein früherer Slogan war „Aus ganz normalen Familien kommen ganz normale Suchtkranke“. Das trifft es ganz gut. Den meisten würde man die Problematik auf den ersten Blick nicht ansehen. Standard ist zunächst immer ein Beratungstermin zur Abklärung und weiteren Planung. Neben Beratung haben wir ein Motivierungs- und Informationsangebot, wir vermitteln in ambulante oder stationäre Therapie, wir begleiten auch über längere Zeiträume, vermitteln in begleitende oder weiterführende Hilfsangebote usw.

Natalie Nagowski: Wir empfangen unsere Klient*innen dabei mit einer offenen und akzeptierenden Haltung: wir schreiben niemandem vor, dass er oder sie abstinent leben muss, sondern unterstützen darin, ein eigenes Ziel für den zukünftigen Konsum zu finden und dieses gut umsetzen zu können.

Erst die Corona-Pandemie, jetzt der Ukraine-Krieg. Welche Auswirkungen haben solche Krisenzeiten auf den Alkoholkonsum?

Natalie Nagowski: Solche Krisenzeiten stellen für die meisten Menschen eine mehr oder weniger starke Belastung dar. Möglicherweise war oder ist der Arbeitsplatz in Gefahr, die Lebensmittel werden teurer, das Geld reicht möglicherweise nicht mehr. Das erzeugt Stress und Zukunftsängste, neben den Ängsten, die direkt durch die Pandemie und den Krieg verursacht werden. Viele Menschen machen die Erfahrung, dass Alkohol kurzfristig unangenehme Gefühle wie Angst lindert oder vermeintlich beim Einschlafen hilft. Das kann dazu führen, dass der Alkoholkonsum steigt und Alkohol immer regelmäßiger genutzt wird, um solche Funktionen zu erfüllen.

Erika Eisenbart: Feststellen konnten wir bisher drei Tendenzen. Trinken in gesellschaftlichem Kontext war rückläufig, da Bars und Clubs geschlossen waren, Veranstaltungen nicht stattfanden. Ein gewisser Teil hat die entspannende Wirkung von Alkohol benutzt, um mit den Belastungen und Ängsten klar zu kommen – womöglich der bereits vorher gefährdete Personenkreis – und wir stellen fest, dass ein Teil vermehrt mit Depressionen oder Angststörungen reagierten. Diese Störungen sind oft Basis einer Suchterkrankung oder stehen als weitere Diagnose im Raum.

Welche präventiven Ansatzpunkte empfehlen Sie in Zeiten wie diesen?

Erika Eisenbart: Keine Scheu bei Problemen adäquate Hilfe in Anspruch zu nehmen. Alkohol hilft nicht wirklich weiter – Alkohol löst längerfristig keine Probleme, sondern schafft neue. Alkohol kann zum Suchtmittel werden bei regelmäßigem und unkritischem Konsum und wenn eine Wirkung erwartet wird – d. h. hellhörig werden, wenn getrunken wird zur Entspannung, um beim Stress runter zu kommen, um mit Ängsten oder Depressionen besser klar zu kommen etc. Hier lieber früher als später mit Fachleuten reflektieren: Wo stehe ich und was kann, was muss ich tun, um nicht in eine Abhängigkeit zu geraten, z. B. andere Möglichkeiten damit umzugehen wie Hobbys auszuüben, Sport zu machen o. ä.

Natalie Nagowski: Der erste hilfreiche Schritt ist ein offener und ehrlicher Blick auf den eigenen Konsum. Trinke ich mehr als früher? Trinke ich, um mit der aktuellen Situation besser umgehen zu können? Wenn ich diese Fragen für mich bejahe, kann ich mir überlegen, wie ich stattdessen mit der Belastung umgehen möchte. Hobbies und Sport wurden schon genannt; Habe ich alternative Strategien, die ich einsetzen kann? Zum Beispiel Hobbies, die mir guttun; Freunde, mit denen ich mich austauschen kann; kleine Erholungen und Pausen, die ich in meinen Alltag integrieren kann.  Und wenn ich feststelle, dass ich alleine nicht recht weiterkomme: über den eigenen Schatten springen und einen Beratungstermin vereinbaren. Wir sind für Sie da!

Die Suchtfachambulanzen Donauwörth und Nördlingen bieten vertrauliche persönliche Gespräche, kostenfreie Beratung und ambulante Therapie durch geschultes Fachpersonal.
Suchtfachambulanz Donauwörth
Caritasverband für die Diözese Augsburg e.V.
Zehenthof 2, 86609 Donauwörth
Tel.: 0906 705956-70
E-Mail: suchtfachambulanz.donauwoerth@caritas-augsburg.de
Suchtfachambulanz Nördlingen
Diakonie Donau-Ries gGmbH
Würzburger Str. 13, 86720 Nördlingen
Tel.: 09081 29070-30
E-Mail: suchtfachambulanz@diakonie-donauries.de